René Vögtli B.L.O.G. 
 
 
 
26.08.2008 um 09:14:

Wer eine Reise tut ...

Meine geliebte Frau und ich sind gerade über 3000 KM gefahren. Die letzten 42 davon auf einer Autobahn (um so schnell wie möglich im strömenden Regen nach Hause zu kommen). Ansonsten ging’s buchstäblich über Stock und Stein, durch brütende Hitze, Staub, über Schlaglöcher und atemraubende Staubstrassen und durch unvorstellbares Verkehrschaos. Mit einem Schnitt von 60 KMH. Das sind über 50 Stunden auf dem Motorrad! Jeder Stein eine potentielle Gefahr, hinter jeder Kurve eine Überraschung. Das verlockend bezirzende Unbekannte war immer auch drohende Gefahr. Wo schlafen wir? Finden wir Benzin? Was wenn das Motorrad oder einer von uns ......? Mischa redet von Abenteurerseele – die hat sie! Und Mut! Und das alles mit einem bislang Hornhautfreien, zarten Hintern! Hier nun ihr dazugehöriges Tagebuch:

Sikinos, Mittwoch 6. August 2008

Unsere Koffer sind gepackt, Motorradkoffer versteht sich. Wir haben beide je einen Seitenkoffer, in dem wir alles verstauen müssen was wir für die nächsten 8 Tage oder so brauchen. Ich hab da natürlich mehr Glück als René, meine Kleider sind kleiner. Ich kann erstaunlich viel in diesen Seitenkoffer verstauen: 3 Röcke, 6 passende Tops, 1 Kleid, 1 Hose, 1 Nachthemd, Unterwäsche und Socken, eine leichte Jacke, Sandalen, und das Necessaire natürlich. Alles steht fein säuberlich bereit.

Wir haben uns verabschiedet von unseren lieben Freunden, morgen um 11 fährt unsere Fähre nach Piräus. Danach ist unsere Reiseroute sehr vage: Sikinos – Luzern, durch Albanien – Montenegro – Bosnien/Herzegowina, Kroatien – Slowenien – Italien – Schweiz. Kartenmaterial haben wir bereit, morgen soll es erst mal mindestens bis nach Arachova gehen, ein Ort nahe bei Delphi, in den Bergen.

Arachova, Donnerstag 7. August

Es war schön am Hafen, unser Sohn Thassos und seine Freundin Dafni haben uns verabschiedet, sowie viele andere sehr gute Freunde auch. Wir winkten und winkten vom Boot aus, bis wir die Einzelnen an Land nicht mehr erkennen konnten. Das ist jedes Jahr so unser Ritual. Die Überfahrt ging sehr gut, und von Piräus aus ging’s dann los! Der Navigator hat uns richtig gut rausgelotst, wir sind auf dem Weg nach Elefsina, von da ging’s dann nach Norden in die Berge. Wir hoffen es noch bis nach Arachova zu schaffen. Doch plötzlich, kurz nach dem Auftanken, zeigte die Alarmlampe einen Fehler an! René machte Bremstests, fuhr wie auf Eiern weiter. Was ist los, was ist nicht gut? Er ist nervös, ich spüre es ganz genau. Wir fahren ins nächste wirklich kleine Dorf, aber direkt an eine grosse Motorradwerkstatt! Was für ein Zufall, oder hat es was mit dem vielen Reiki schicken zu tun? Und direkt nebenan hat es ein Kaffenion. René studiert das Handbuch, dann scheint der Mechaniker von nebenan frei zu sein. Er schaute sich das Motorrad kurz an, erkannte sofort, dass es sich nur um eine defekte Glühbirne für das Rücklicht handelte – wenige Minuten später und um 3 Euro leichter geht die Reise weiter. Wir sind sehr beruhigt. Immerhin haben wir etwa 3000 km vor uns, durch unbekannte Länder. Mit einem Defekt am Motorrad nicht auszudenken. Im Geiste hatten wir beide uns schon auf der Fähre von Griechenland nach Italien gesehen. Das wäre eine grosse Enttäuschung gewesen!

In Arachova fanden wir sofort ein Hotel, und auch das Restaurant, wo wir vor Jahren schon mal sooo gut gegessen haben. Es geht uns gut, wir freuen uns auf den nächsten Tag.


Ioannina, Freitag 8. August

Wieder haben wir auf Anhieb ein Hotel gefunden. War auch Zeit, es ist schon fast 18 Uhr. Alles hat ein bisschen länger gedauert als ich eingeplant hatte. René hat mir die Wahl der Route weitgehend überlassen; wir haben dann einfach jeweils am Vorabend die Karte angesehen und uns auf ein Tagesziel geeinigt. Die Route die ich fand war als sehr schöne bezeichnet. War es auch. Viel grün, wenig Dörfer, vorbei an kleinen Seen. Aber es war auch eine eher kleine und schlechte Strasse, wir fanden nicht immer auf Anhieb den richtigen Weg. Aber immer, wenn dir Hilfe brauchten, war jemand da, der uns weiter half. Noch können wir ja die Sprache!! Ioannina ist eine alte Stadt, sehr lebendig. Aber nach einem guten Essen gehen wir eher früh schlafen, morgen wird’s spannend: Albanien!


Durres, Albanien, Samstag 9. August

Ich sitze auf dem Balkon unseres Hotelzimmers, todmüde, und unsicher, ob ich mir das alles wirklich antun will! Aber eins nach dem andern.

Nach unserem Kaffee in Ioannina und mit Wasser und Broten versorgt machen wir uns auf den Weg. Nach Albanien. Nach Albanien??? Alle haben uns abgeraten davon. Seid ihr wahnsinnig? Alles Diebe, schreckliches Land. Kein einziges Schild deutet darauf hin, in welche Richtung es nach Albanien geht. Aber wir finden problemlos den Weg, tanken nochmals auf, weil wir ja nicht wissen, wie gut man eine Tankstelle findet in Albanien. Es hat wenig Verkehr. Und dann plötzlich. Ein Riesenstau! Doppelspurig, viele viele Kilometer lang. Schnell wird uns klar, dass dies der Stau vor dem Grenzübergang ist. Wir sind erst mal komplett sprachlos. Nie hätten wir so was erwartet. Es sind auch keine Touristen, sondern ausschliesslich Albaner, die vermutlich für den Urlaub nach Hause gehen. Und offensichtlich waren sie es gewohnt, sehr lange zu warten. Viele machten es sich gemütlich mit Picknick am nahen Waldrand. Es ist bereits sehr warm, und mit dem Motorrad ist man natürlich den Elementen total ausgesetzt. Aber das wissen die Südländer. Sogar die Polizei winkt uns einfach vorbei. Wir fahren soweit es geht, ich schätze ca. 500 Meter an die Grenze ran. Da ging’s einfach nicht mehr, alles war zu eng. Es ist ganz komisch: wir beide fühlen uns um 30 Jahre zurückversetzt. Damals machten wir eine ähnlich Reise, von der Schweiz nach Griechenland. Aber nicht über den Balkan sondern Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei nach Griechenland. Also damals durch tiefsten Kommunismus. Und da gab’s genau diese Bilder an der Grenze. Riesenstaus. Schlechte Verständigung. René sagte dann immer, Mischa, Visier hoch und lächeln, aber ob das heute noch funktioniert hier in Albanien? Ich steige ab und versuche herauszufinden, wie es hier läuft. Eine unglaubliche Ineffizienz. Die Autos werden Grüppchenweise zur Grenze hervorgelassen. Die Fahrer bleiben im Auto, Mitfahrer müssen an einen eigenen Schalter und die Pässe vorweisen. Dann kommt Schalter 2…., ich gehe zu René zurück und erkläre ihm, ich werde mal alle Papiere zu mir nehmen und versuchen, das alleine zu machen. René ist erleichtert. Es ist echt schwierig mit dem Motorrad. Wo hinstellen, was mitnehmen. Ich gehe zurück an die Grenze, da geht ein Mann an mir zu Fuss vorbei. Eher ausgemergelt hält er einen kleinen, leichten Koffer in der Hand und geht einfach zu Fuss über die Grenze. Woher er kam habe ich keine Ahnung, aber es handelt sich offenbar um jemanden der es eben nicht geschafft hatte in Griechenland. Er tut mir leid. Eine junge Frau steht auch an der Grenze im Schatten und singt ihrem kleinen Baby Lieder vor. Offenbar ist sie wie alle andern ausser uns mit dem Auto da und wird wohl sehr lange warten müssen.

Ich schaffe es tatsächlich an den 1. Schalter für die Fahrer, die Pässe werden beide gestempelt. Jetzt muss ich zu Schalter 2, um dort pro Person 1 Euro zu bezahlen, auch hier eine lange Warteschlange. Aber ich stehe keine 30 Sekunden da kommt die Chefin raus und holt mich persönlich aus der Menge heraus. Nimmt unsere Pässe und die 2 Euro, ich verstehe kein Wort was sie sagt, ich merke sie meint ich solle schnell warten. Es ist unglaublich, 2 Minuten später habe ich diese Papiere auch und kann René mal durch den Personenkontrollpunkt durchwinken. Er staunt! Dann kamen noch die Zollkontrolle wegen dem Motorrad und den Versicherungen. Ohne die Erfahrung von Rumänien/Bulgarien wären wir sicherlich sehr verzweifelt gewesen. Die Verständigung ist sehr schlecht, es gibt keine Hinweise, nichts. Aber alles in allem schaffen wir es in weniger als 1 Stunde und fahren glücklich weiter ins unbekannte Land. Schöne Landschaft, etwas wild, bescheidene aber rechte Strasse. Und immer wieder ein Schild: Lavazho. Lavazho? Kann es sich um eine andere Schreibweise handeln von meinem Lieblingskaffee Lavazza? Wir Fahren Richtung Sarande, um danach die grün eingezeichnete Nebenstrasse zu nehmen nach Vlore. Sarande liegt direkt am Meer, und es wird unglaublich viel gebaut! Ich habe noch nie an einem Ort so viele Baustellen gesehen! Mit nachfragen finden wir dann auch den grün eingezeichneten Weg. Aber oh weh! Die Strasse wird ausgebaut, wir fahren auf Schotter und Sand. Ich bin ziemlich erschrocken! Mein Gott, was habe ich uns da für einen Weg ausgesucht! Und Ausweichmöglichkeiten gibt es in Albanien gar keine, die Vernetzung ist direkt von Stadt zu Stadt und sonst gibt's gar nicht! Wir können kaum atmen, wir sind die einzigen Motorradfahrer weit und breit, und die Autofahrer können schneller fahren bei diesen Verhältnissen und wir sind sozusagen in deren Staubwolke eingehüllt. Das Fahren selber ist sehr gefährlich: jeden Stein muss René beachten, ich muss ganz eng sitzen und darf mich buchstäblich nicht bewegen. Jede Verlagerung von mir hat eine direkte Auswirkung auf das Motorrad. Das ist wie bei einem Pferd mit 2 Reiter. Wenn da jeder Reiter eigene Befehle gibt funktioniert das unmöglich, beim Motorrad kann dies einen Sturz bedeuten. Wir haben keine Ahnung wie weit die Strasse so ist, aber dann kommt doch mal zwischendurch entweder die alte Strasse mit den vielen Schlaglöchern zum Vorschein, oder dann aber mal ein paar wenige Meter frisch geteerte Strasse. So geht das 110 km lang, die Landschaft ist fantastisch, mal sind wir in der Höhe, mal näher am Strand. Es gibt viele wirklich schöne Strände! Dann wieder ein kleiner Pass, wir machen mal halt, essen können wir nicht, es ist zu heiss, aber wir müssen dauernd viel trinken und kaum auf Toilette gehen, das Wasser „verdampft“ auch so. Und dann gab es wirklich ein Restaurant mit einem Lavazzo Schild! Und ich trank den Espresso mit Hochgenuss! Erst später am Tag fand ich heraus was Lavazho heisst…… Waschanlage. Wohl die einfachste Art sich selbständig zu machen: ich habe noch nie so viele Waschanlangen gesehen. Nun, bei diesem Dreck und Staub in Albanien wohl auch notwenig.

Wir kommen auf die Ebene runter und wollen nach Fiore, eine Stadt am Meer. Aber je näher wir ran kamen, umso schrecklicher wurde es. Die Strände überfüllt, und zwischen Strand und dem absoluten Verkehrschaos auf der Strasse viele hässliche Gebäude, Hotels, Apartmenthäuser, man kommt kaum mehr vorwärts. Später hat René mal gesagt wenn man all die Verkehrsregeln, die er gebrochen hat, zusammenzählen würde käme er vermutlich auf Lebzeiten ins Gefängnis! Wir entscheiden uns sofort weiterzufahren nach Durres. Ich habe auf der Karte gesehen dass es da ein Amphitheater geben soll und es eine Hafenstadt ist, also könnte sie doch schön sein? Vor und nach Flore war alles noch sehr schmutzig, Abfälle am Strassenrand bis geht nicht mehr, Neapel kann auch nicht schlimmer sein. Aber ein paar Kilometer von der Stadt entfernt wird es wieder richtig schön. Grün, Landwirtschaft. Die Strasse wird als Autobahn bezeichnet! Autobahn? Also erstmals haben mitten auf der Autobahn 2 Leute ein Schwätzchen, ja wo soll man sich den sonst treffen? Und rechts auf dem Pannenstreifen kommt uns ein Bauer mit Pferd und Wagen entgegen. Und dann ein bisschen weiter führt eine alte Frau ihre kleine Herde von Truthähnen am Strassenrand spazieren, immer bereit mit dem Stock sie in die richtige Richtung zu weisen. Es ist wunderschön. Ich komme aus dem Staunen kaum raus. Die Autobahn hat auch alle paar Kilometer einen Kreisel, und gerade da gibt es dann ganz viele Händler, Verkaufsbuden, Grillstände mit Maiskolben, alles an der Autobahn! Landwirtschaft ist gross in Albanien, es geht gegen Abend zu und alle kommen vom Feld, sehr oft mit Pferd und Wagen.

Und dann geht es wieder auf die Stadt zu, nach Durres. Aber noch viel schlimmer als bei Flore. Mehr Verkehrschaos, mehr schreckliche Bauten zwischen Strasse und vollbesetztem Strand, eine unglaublich langsam sich hinwälzende Autokolonne, Abfallhalden am Strassenrand, Hitze, Gestank. Unsere Nerven liegen langsam blank. Vor mehr als 10 Stunden haben wir unser Hotel verlassen, Durres ist immer noch 9 km entfernt. Plötzlich hat René die Nase voll, dreht links ab auf den nächsten Parkplatz. Es ist ein Hotel. Wir wollen erst mal was trinken, der Concierge sagt, er hätte noch ein 4-Bett Kajütenzimmer zur Strassenseite. Ich bin alles andere als glücklich. Und hinterfrage natürlich erst mal die ganze Reise. Muss ich mir dies wirklich antun? Zum Glück hatte ich mich für Albanien entschieden, heute hätte ich René vermutlich kurzerhand erwürgt für einen solchen Entscheid. Ich glaube er denkt genauso…. Aber wir wissen beide auch, dass eben unsere Nerven jetzt etwas blank liegen und wir jetzt auch gefordert sind, wie wir miteinander und der Situation umgehen. Ich wäre sehr gerne weiter bis nach Durres gefahren, René ist der Fahrer, und er mochte nicht mehr. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass dies das letzte Hotel war für viele Kilometer, und der Verkehrstau hat noch bis Mitternacht angedauert. Also ein perfekter Entscheid. Aber ein 4-Bett Kajütenzimmer Richtung Strasse? Haben sie nicht was besseres, fragt René. Und nach 15 Minuten hatten sie es, ein Doppelzimmer, einfach, aber sauber, mit Balkon, Richtung Strand. Eben da bin ich jetzt gerade, René ist noch schwimmen gegangen. Und dann kommt René zurück. Ich kann es nicht glauben. Mit ihm ein livrierter Kellner, einem runden Tablett, und einer wunderbar gekühlten Flasche italienischem Weisswein! und das mitten in Albanien! René ist natürlich mein Held! Wir essen ganz gut im Hotel, und beide sind wieder entspannt.


Bosnien-Herzegowina, im Naturreservat in den Bergen, Sonntag, 10. August.

Wir sind am Sonntag morgen um 7 Uhr losgefahren. Diesen Verkehr wollten wir nie mehr, und ab 9 soll wiederum alles total verstopft sein. Aber das kam nach uns, es war herrlich. Wiederum etwas von der Stadt entfernt viel Landwirtschaft, diesmal gingen die Bauern raus aufs Land, mit ihren Pferden und Wagen. Innert 2 Stunden kamen uns mindestens ein Duzend Hochzeitsgesellschaften entgegen, ich nehme an, die nutzen auch die Stunde der freien Fahrt am frühen Morgen. Wir trinken an einer Raststätte Kaffee. Wie auf der ganzen Reise kriegen wir auch hier vorzüglichen Kaffee, immer entweder türkischen oder Espresso, aber immer schön stark, wie ich es mag. Wir wollen noch über die Grenze und müssen noch durch eine albanische Stadt hindurch, davor bangen wir ein wenig nach den gestrigen Erfahrungen. Aber es war null Problem, Shkoder war zwar voller Leben, aber Verkehrstechnisch kein Problem. Vielleicht weil es Sonntag war? Die Stadt erinnerte uns sehr an Indien. Es war ein einziger Bazar, sehr bunt. Und an der Grenze war kein Mensch vor uns, wir konnten alles innert 3-4 Minuten erledigen, Pässe gestempelt, Motorrad durften wir ausführen. 1 Euro pro Person, bitte.

Montenegro. Die Landschaft direkt vor und nach der Grenze ist Atemberaubend. Sumpfgebiet, viel Wasser natürlich, grün, und kein Haus weit und breit. Auch kein Verkehr. Wir fahren weiter nach Podgorica, man sieht schon dass es den Menschen besser geht als in Albanien. Es ist viel sauberer, organisierter, gute Strassenschilder. Langsam bekommen wir Hunger, gefrühstückt hatten wir nicht. In Niksic wollten wir im Stadtzentrum was suchen, aber das ist natürlich ehemaliges Kriegsgebiet, vom Stadtzentrum ist nicht viel übrig geblieben. René folgt einem Zeichen, das zu einem Hotel führen soll. Raus aus Niksic, ein bisschen den Berg hinauf, mitten im Wald dann eine Lichtung. Das Hotel. Wunderschön. Eine Braut wurde gerade „entführt“, die Musiker spielten auf, ein grosses Gelage war offensichtlich im Gange. Ich nehme an die fangen auch so früh Morgens an wie die Albaner, war es doch jetzt gerade mal Mittag! Wir bekamen ein wunderbares Essen auf der Veranda, weiss gedeckt. Die Bedienung gab sich echt Mühe uns zu verstehen, aber es wird schon langsam schwierig. Englisch können höchstens mal Schulkinder, griechisch spricht hier auch keiner mehr. Wir versuchen es einfach in allen Sprachen die wir kennen. Und irgendwie geht es immer.

Nach dem Mittagessen sind wir nach Norden weitergefahren Richtung Bosnien und Sutjeska Nationalpark, vorbei am Pivski Kloster. Wunderschön gelegen, eine alte, schön restaurierte Kirche, und das Klostergebäude wie ein edler Landsitz. Honig machen sie hier unter anderem. Scheinbar ist gerade ein Mitbruder gestorben, ein Grab wird ausgehoben, eine alte Frau weint und wird von zwei jungen Frauen gestützt. Nach einer kurzen Rast fahren wir einem Fluss entlang, weit und breit niemand sonst, Natur pur. Nur leider auch viele Tunnels, was wiederum eine grosse Herausforderung ist für René, der Strassenbelag ist sehr schwierig, Rillen, die er noch nicht mal sehen konnte. Wie auf Eiern fahren war wieder mal angesagt, und ich halte mich fest und bewege mich möglichst nicht. Nach der Grenze kommen wir direkt in den Nationalpark. Hoch oben in den Bergen. Auf Anhieb finden wir ein Zimmer. Es ist lustig, die gesamte Fussballjuniormannschaft von Bosnien ist hier, es wird schon etwas laut, aber wir hatten zum Glück vor ihnen gegessen. Später schauten sie uns zum beim Mikado spielen zu; sie waren begeistert, wir haben ihnen dann das Spiel geschenkt.

Beim Spaziergang vom Hotel aus ist uns oben auf dem Hügel ein komisches Gebilde aufgefallen. So komisch war es schlussendlich nicht: eine Kriegsgedenkstätte. Es gibt ganz viele Menschen die hinpilgern.


Gornji Vakuf, Bosnien, Montag 11. August 2008

René geht es nicht gut, Durchfall und Erbrechen. Aber wieder mal erst der Reihe nach.

Die Strasse ist immer noch grün eingezeichnet, bis Mittag wollen wir bis nach Mostar. Doch die Schönheit der Landschaft trügt auch. Es ist tiefstes ehemaliges Kriegsgebiet. Es schnürt uns schon mal das Herz zusammen. Wir spüren förmlich Schmerzen. Die Menschen sind etwas misstrauischer, aber trotzdem nett und hilfreich. Doch die eingeschossen Häuser sind da, und auch die Neugebauten zeigen die Vergangenheit. Es gibt eine Unesco Bank in Gacko, ich wusste nicht mal dass so was existiert! Es war ein alter Wunsch von mir mal nach Medugorie zu gehen, einem Marien-Pilgerort. Allzu weit von unserer Reiseroute durfte der Ort natürlich nicht sein, aber als wir bemerkten dass er nur ca. 30 km südlich von Mostar liegt fuhren wir natürlich hin. Für mich extrem eindrücklich, aber auch sehr persönlich, und deshalb gehe ich hier nicht weiter darauf ein.

Mostar war auch wieder eindrücklich, wir kennen den Ort vom Fernsehen, von Meldungen aus dem Krieg. Und man sieht die Spuren. Wir sehen, wie nahe Moscheen und Kirchen beieinander stehen. Ich schaue mir immer die Frauen an, versuche zu erkennen, wer Christin ist, und wer Moslemin. Aber es ist sehr schwierig. Nur einmal auf der ganzen Reise sehe ich eine junge Frau mit langem Rock und Kopftuch, und neben ihr offensichtlich eine Freundin, im Minirock und T-Shirt. Ich achte auch darauf was die Frauen tragen um nicht gegen die Sitten zu verstossen, aber ich brauche mich nie zu kümmern, meine Kleidung ist immer „anständig“ genug. Auch hier ist die Landschaft meist sehr schön. Wir kriegen langsam Hunger, essen was Kleines. Aber sehr schnell danach geht es René schlecht. Wir halten im kleinen Dorf Gornji Vakuf an, und wie schon immer auf dieser Reise haben wir sofort ein Zimmer, wir öffnen das Fenster, und sehen auf einen kleinen Bach und viel grün. Aber René ist schwach, Erbrechen, Durchfall. Ich glaube einen Esslöffel von meiner Hühnerbrühe hat er gegessen, aber wenigstens konnte es das Wasser trinken!


Karlovac (Karlstadt), Kroatien, Dienstag, 12. August.

Heute haben wir es etwas leichter genommen, wegen René. Es ging ihm besser am Morgen, aber natürlich noch geschwächt. Um ganz sicher zu sein gingen wir in die nächste Apotheke, um etwas gegen den Durchfall zu kaufen. Durchfall und Motorradfahren, das geht nicht so gut. René beschreibt die Situation so:

In einem vom Krieg gebeutelten Dorf betraten wir eine Apotheke weil ich nächtens zuvor dehydriert und ausgepowert einen Durchfallanfall hatte, der sofort und medikamentös beruhigt werden musste, wenn ich weiter auf dem Motorrad sitzen wollte. Eine gepflegte, gebildete und attraktive Apothekerin stand in ihrem blitzsauberen Geschäft und sprach perfekt bosnisch. Leicht verlegen versuchte ich auf Deutsch, Englisch, Französisch und Griechisch mein Problem zu erörtern. Die Dame sprach immer noch wunderbares Bosnisch. Da öffnete sich die Türe und eine Hüne eines Mannes trat herein. Blutjung, Skinhead in Schwarz gekleidet. Es stellte sich heraus, dass er der Apothekerinnensohn war und Englisch sprach. Aber am beeindruckendsten fand ich sein T-Shirt auf dem stand: „I am Muslim. Don’t panic!“

Auch Richtung Karlovac war es wieder wunderschön, Landwirtschaft, grün, wenige Ortschaften. Und plötzlich konnten wir die Ortstafeln nicht mehr lesen. Serbisch. Die kyrillische Schrift hat etwas gemeinsames mit griechisch, das hilft uns dann doch bei der Entzifferung. René fragte mich, ob ich gerne einen Kaffee trinken würde. Ja schon, aber hier hat es ja weit und breit nichts. Aber genau da entdeckte René dann ein Zeichen das er mit Kaffee entziffern konnte. Doch bloss wo ist denn jetzt dieses Kaffee? Wir hielten an. Ein einsames Haus. Doch kaum waren wir da kam eine Frau daher gerannt. Sie hatte schon bessere Tage gesehen, das spürte man und man sah es ihr auch an. Sie hatte ihre grauen Haare gefärbt, war mir bis anhin nie aufgefallen bei den Frauen in Ex-Jugoslawien. Mit Worten verstehen konnten wir uns nicht wirklich, aber mit dem Herzen schon. Sie hatte uns mit Handschlag begrüsst, uns einen wunderbaren türkischen Kaffee gekocht den sie uns vor dem schlichten Haus an einem kleinen Tisch mit 3 Gartenstühlen servierte. Sie setzte sich auch zu uns, wir haben einander viel zugelächelt und bemerkt, dass wir beide ähnliche Ohrringe trugen. Wir waren vielleicht 10 Minuten da, aber es hatte etwas wunderbares in dieser Begegnung.

Nächstester Halt: Bihac. Ein schwer umkämpfter Ort im Krieg, und wiederum trügt die wunderbare Landschaft. Was alles so friedlich aussieht, paradiesisch fast, hat eine schreckliche Vergangenheit. Wir essen vor Bihac an einem der idyllsten Orte den es überhaupt gibt, Mittag. Ein Fluss, breit und ausladend. Kleine Inseln in der Mitte, Tische sind auf den Inseln gedeckt, das eigentliche Restaurant geht genau bis ans Wasser. Wir hatten das Restaurant eben verlassen und waren daran, das Motorrad zu besteigen, als ein Auto mit Luzerner Nummerschild anhielt. Luzerner? Hier? Wir kamen ins Gespräch, er bat uns innigst, einen Kaffee mit ihm zu trinken. Seit 21 Jahren lebt er in der Schweiz, und jedes Jahr geht er zurück zu diesem Fluss, wo er geboren wurde. Er liebt das Land, den Fluss, die Gegend. Aber er erzählt uns auch, wie unglaublich schwierig das Leben dort ist. Keine Arbeit, Korruption überall, in Spitälern, auf der Gemeinde. Ohne Bakschisch geht gar nichts. Er hat, wie natürlich alle hier, ganz viele Familienmitglieder und Freunde im Krieg verloren. Und spricht auch von der Angst der Bevölkerung, dass ein Krieg jederzeit wieder ausbrechen könnte. Es hätte nur einen gegeben, der die Serben, Bosnier und Kroaten zusammenhalten gekonnt hätte. Sagte er. Und zeigte und das Photo, das er im Portemonnaie mit sich trägt: Tito.

Karlovic gefällt uns, auch wenn wir hier immer noch den Spuren des Krieges begegnen. Seit langem zum 1. Mal sind wir in einer (kleinen) Stadt, wir können ein bisschen flanieren, und haben natürlich wieder auf Anhieb ein schönes Hotelzimmer gefunden, ruhig, und doch mitten in der Stadt. Der Concierge empfahl uns ein Restaurant. Wir haben Glück. Trotz grossem Andrang bekommen wir einen Tisch. Und müssen doch sehr lange auf unser Essen warten. Extrem hungrig hatte René sich eine Pizza bestellt, ich ein Schnitzel Zagreb. Schnitzel Zagreb? Ein Cordon-bleu, einiges grösser als ein normaler Teller. Auch mit dem grössten Hunger und etwas Hilfe von René muss ich die Hälfte zurückgeben, und René hat seine Pizza auch nicht geschafft.


Tolmezzo, Italien, Mittwoch 13. August

Heute haben wir das schönste Zimmer bekommen, wiederum Mitte im Zentrum, bestes Haus am Platz, riesig gross. Aber das hatten wir uns auch verdient. Kaum hatten wir Kroatien verlassen wurde wieder alles einfacher. Dieser Teil Sloweniens war vom Krieg verschont geblieben. Die Strassenzeichen besser, vor allem aber auch die Strassen selber. Ich hab noch gar nicht so viel darüber gesagt, aber die Strassen auf der ganzen Strecke waren oft notdürftig, viel wurde auch ausgebessert. In Slowenien sah man schnell mal auch etwas Industrie, vollbesetzte Firmenparkplätze, Lastwagen. All dies war uns bis jetzt nicht begegnet. Beim Kaffeetrinken kamen wir ins Gespräch mit einem Mann, der 20 Jahre lang die Swissair in Slowenien vertreten hatte. So nebenbei sagte er, ab Freitag sei schlechtes Wetter in den Alpen. Regen? Seit mehr als 6 Wochen ein Fremdwort für uns. Wir hatten noch eine richtig abenteuerliche Fahrt nach Italien, über den Uccea Pass, enger geht es wirklich nicht mehr. Ich hätte nicht mit unserem Auto da fahren wollen, so eng war das. Und feucht. Und ich wieder ganz eng an René, die Strasse war glitschig, gefährlich. Keine falsche Bewegung… also nicht wegen Hände hoch sondern eben weil es mit dem Motorrad so gefährlich war. René musste so langsam fahren dass sich die Bremsen überhitzten und wir anhalten mussten, um alles abkühlen zu lassen. Aber es war auch sehr spannend. Echte Wildnis, und immer noch kein anderes Fahrzeug weit und breit. Doch es war ein langer Tag. Ich hab dann noch an unseren Sohn Pablo ein sms geschickt mit der Bitte, er möge doch nachschauen wie das Wetter aussieht Donnerstag/Freitag, wir wären gerne noch ganz gemütlich ein wenig in den italienischen Bergen rumgefahren, vor Freitag oder Samstag müssen wir nicht zu Hause sein. Aber die Rücknachricht war ernüchternd: ihr müsst am Donnerstag nach Hause kommen, für Freitag sind in den gesamten Alpen sehr schwere Regenfälle gemeldet. Na ja, dann packen wir zwei Tage in einen.


Vuorz, Bündnerland, Schweiz, 14. August 2008

Wir sind zeitig losgefahren Richtung Südtirol, aber jetzt ist der Verkehr heftig. Und wir sind auch nicht mehr die einzigen Motorradfahrer auf weiter Flur! Obwohl natürlich die Landschaft schön ist nervt es auch, und wir wollen vorwärts kommen, dem Wetter entkommen. Wir schaffen es auch ganz gut, noch scheint die Sonne. Nach Meran essen wir beim Hanswirt (das wir schon gut kennen) ein echt feudales Mittagessen. Aber wie wir über den Ofenpass in die Schweiz kommen zeigen sich die Wolken. Ab und zu mal ein paar Tropfen Regen sogar, aber nichts wirklich Beängstigendes. Wir wollen auf keinen Fall die Walensee Route nehmen, sondern fahren über den wunderbaren Albula Pass, wiederum Natur pur, wir sehen viele Wanderer. Aber die Wolken verdichten sich. Immer wieder sehen wir einen blauen Streifen am Himmel, hoffen dass wir da durchkommen. Und dann, plötzlich, so schnell wie es eben nur in den Bergen gehen kann: eine grosse graue Wand. Regen. René biegt sofort von der Strasse ab in ein Dorf hinein. Der einzige Gasthof hat Ferien. Aber mir kommt alles bekannt vor. Und ich schaue nach. Ja, wir sind ein Dorf entfernt von Vuorz. Balz, ein ehemaliger Schwager von mir, und sehr guter Freund von uns, hat dort seine 2. Residenz. Und er ist da. Und hat Platz für uns. Was für ein Glück! Wenn schon nicht nach Hause kommen dann einen gemütlichen Abend verbringen, den wir so schnell auch nicht vergessen werden. Auch die wunderbare Spaghetti nicht!


Luzern, 15. August 2008

Es ist Mittag, wir sind da. Wenn auch verregnet. Am Morgen sah es katastrophal aus. Nur grau und Regen. Aber dann gab es doch ein paar Aufhellungen. Ich wollte unbedingt mit dem Motorrad nach Hause kommen. Wir hatten schon gesagt dass ich ja auch mit dem Zug fahren könnte die letzte Strecke, doch dies lies mir mein Kopf und mein Stolz jetzt nicht zu. 3000 km, durch Albanien und weiss Gott wo, und jetzt soll ich meinen Helm in der Hand tragen und per Zug nach Hause fahren! Kommt nicht in Frage! Gott sei Dank hatte Balz geeignete Regenbekleidung für mich, ich hatte mich geweigert mein altes Regenkombi mit zu nehmen. Und so fuhren wir los. Am Anfang ging es ganz gut, bis Andermatt. Dann kam erst mal der Nebel, wir sahen kaum noch was. Und dann kam der Regen. Kopf runter und durch. So war die Devise. Es war auch gar nicht so schwer. Diesmal wussten wir genau, wie weit es noch geht, und noch genauer, was uns da erwartet: unser zu Hause. Und ein heisses Bad!

Fazit: Die ganz Reise ging wirklich ausgezeichnet! Ich bin sehr froh, dass wir sie gemacht haben. Und würde sie wieder tun. Aber nicht gerade morgen. Erstmal wieder festen Boden unter den Füssen. Und Albanien? War auch gut, aber nächstes Mal würde ich dann doch den Kosovo versuchen. Davor hatte ich aber diesmal zu fest Angst.

2. Fazit: ich habe mir ein neues Regenkombi gekauft. Damit ich Balz seine Sachen zurückgeben kann und ich das nächste Mal besser gewappnet bin.

3. Fazit. Das schönste an der Reise war nicht das Ziel, sondern die Freiheit, zu reisen wie wir wollten. Und wie weit wir wollten. Zeit zu haben. Und dieses enge beieinander sein. Durch alle Höhen und Tiefen. Das Mitteilen ohne zu sprechen. Das gemeinsame Erleben. René, ich danke Dir!

Mischa Vögtli
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