René Vögtli B.L.O.G. 
 
 
 
16.01.2007 um 12:17:

Hirnrissig

schon dieser Ausdruck! Hirnrissig sagt man, wenn einem etwas als quer erscheint, einem unlogisch, dumm und unbegreiflich vorkommt. Ganz genau im letzten Adjektiv ist des Rätsels Lösung. Un-begreif-lich. Wir können es nicht greifen, nicht fassen. Und schon ist es hirnrissig. Wir messen dem Hirn eine übergeordnete Bedeutung zu. Dem Hirn wird eine Bedeutung nachgesagt, welche Ausmassen esoterischer Symbolik gleichkommt. Das Hirn fühle, es denke, die Persönlichkeit eines Menschen sei das Resultat von Hirnblitzen. Welch Quatsch! Schon längst weiss man, dass z.B. die Haut auf Reize schneller wirken kann als das Hirn. Letzteres liefert bestenfalls noch eine "rationelle" Erklärung hinten nach. Hinten nach! Also denkt es.... Moment! Wer denkt hier überhaupt, ich oder "es"? ....also das Hirn liefert eine Analyse nachdem (!) das Geschehnis schon vorbei ist. So ist das Hirn die letzte Instanz, lebt konstant in der Vergangenheit. Aber nein, wir wollen es zur ersten, zur wichtigsten Instanz hochstilisieren und wenn das nicht geht kanzeln wir das Unmögliche als "hirnrissig" ab. Wieso eigentlich fällt es uns so schwer unsere Ganzheitlichkeit einfach hinzunehmen? Wir sind mehr als die Summe der Hirnwindungen. Und dieses "mehr" möchten wir entweder verstehen, be-greifen oder aber, wenn das nicht möglich ist, projizieren wir eine unserem Zeitgeist genehme Idee auf etwas. In diesem Falle auf das Hirn. Vor 1000 Jahren war das Hirn ziemlich unbedeutend. Das Herz war der Tempel der Seele. Es war Leinwand für die damaligen Projektionen. Interessanterweise wäre es damals keinem in den Sinn gekommen das Organ Herz mit einem Skalpell zu sezieren (was wir heutzutage mit Hirnen von Genies oder Massenmördern gerne tun, um die Windung zu finden mit welcher wir Genius oder das Böse erklären könnten). Das sei alles unfundamentiertes Gerede? Weit gefehlt! Die Wissenschaft beschäftigt sich wieder vermehrt mit der Frage, was denn unser Bewusstsein ausmacht, was denn überhaupt Geist sei. Die Aufklärung mit "ich denke, ergo: ich bin." oder naiv rationalistisch "ich glaube nur was ich sehe") hat zu einem deterministischen Denken geführt. Moderne Wissenschaft hat diese Sackgasse als solches erkannt und schaut jetzt wieder über den Tellerrand. (ich muss beichten: den obigen Text schleppe ich schon länger mit mir rum. Aber aktuell ist der Gedanke mehr denn je, denn er dient als Einleitung zum nächsten, ganz aktuellen, Tagesgedanken „verpasste Chance“).
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