René Vögtli B.L.O.G. 
 
 
 
17.01.2007 um 09:53:

Verpasste Chance

Mit 21 (1974) fuhr ich auf Rollschuhen im Anzug und Fliege mit Aktenköfferchen zur Arbeit. „Hirnrissig“ dürfte der eine oder andere Arbeitskollege gesagt haben. Wenige Jahre später wurden Rollerblades erfunden und an der Wall Street war es in bei Yuppies in meinem Look zur Arbeit zu rollen. Minus Fliege. Die überrollte die Geschäftswelt etwa 10 Jahre später (der Financier Martin Ebner ist noch ein Relikt aus jener Zeit – allerdings ohne Rollschuhe). Jedenfalls war ich der Zeit voraus. Auch im Geschäftsleben drin, also nicht nur auf dem Weg dort hin, hatte ich früh Ideen, die zuerst als „irrsinnig“ galten und wenige Jahre später umgesetzt wurden. Allerdings blieb dann die eine oder andere Idee in der Werkstatt meines Geistes liegen, weil ich mich nicht traute gegen herrschende Konventionen anzugehen, mich zu exponieren; ich stellte all zu schnell das vermeintlich Machbare vor das Erstrebenswerte, schrieb dem Realistischen höheren Wert zu als dem Visionären. Wenn jemand anders dann „meine“ Idee hervorbrachte, ärgerte ich mich über die verpasste Chance. Kennen Sie das nicht auch? Es muss ja nicht immer gerade etwas Trendsettiges, Weltbewegendes sein. Im Gespräch in einer Runde vielleicht, da schiesst Ihnen ein lustiger Gedanke durch den Kopf, sie sprechen ihn nicht aus und 2 Minuten später macht jemand anders präzise diesen Witz. Ist Ihnen doch auch schon passiert? Wie gesagt, den gestrigen Eintrag unter dem Titel Hirnrissig habe ich schon lange auf meinem PC gespeichert gehabt. Da fahr ich doch kürzlich zu Freunden ins Tessin und deck mich am Bahnhof mit den neuesten Magazinen ein; die Titelgeschichte „Betrug im Kopf“ (Facts 1/07) zieht mich magisch an. Neugierig blättere ich mich durch und entdecke, dass da einer doch tatsächlich einen Artikel mit der Überschrift Hirnrissig geschrieben hat. Obwohl der Artikel mehr Fragen aufwirft als beantwortet (was ist denn „Bewusstsein“ und wo genau ist es zuhause, ja ist es überhaupt irgendwo situiert? Wie kommt es dazu, dass unser Hirn so selektiv ist, wo kommen denn die Voreingenommenheiten her, die das Gehirn beherrschen? Wo die Emotionen, die das Gehirn lahm legen können? usw.) fasst er doch vieles zusammen und illustriert es mit wissenschaftlichen Experimenten/Referenzen. Die Synchronizität, dass da einer mit „meinem“ Titel „mein“ Thema ausspricht, erinnerte mich auf der Zugfahrt an die interessante Frage, ob es den anderen Menschen wohl auch so geht, dass sie Ideen, Visionen so lange auf der Werkbank liegen lassen, bis sie ein anderer verwirklicht. Und wenn ja, dann kämen diese Beobachtungen doch einem Startschuss gleich, neues zu wagen, sich zu exponieren. Vollständigkeitshalber ist dem ersten Abschnitt zuzufügen, dass ich paradoxerweise meinte – ohne darüber wirklich nachgedacht zu haben – dass die Geschäftswelt meine Zurückhaltung und Anpasserei belohnt, denn es ging auf der Karrierenleiter ja munter nach oben. Mindestens bis zu einem Punkt: da holten mich dann die vielen liegengelassenen Träume in Form eines massiven Burn-Out sehr schnell ein, sie begruben mich förmlich. Umdenken wurde zur Überlebensnotwendigkeit. Auch aus dieser Sicht kann man den Schluss ziehen, dass gelegentliches Querdenken und aus-der-Reihe-tanzen Psychohygiene vom feinsten und Burn-Out Prävention obendrauf ist. Bin ab morgen 10 Tage in Bremen - bloggen muss warten.
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