25.01.2010 um
15:57:
Eingeschlossen, gefangen, frei? |
| 31.12.2009. Auf der Insel, wo ich seit 25.12 bis vorgestern war.
Das Waschhäuschen
Maria sagte schon im voraus am Telefon, dass die Türe zur Toilette klemmt. Nun gut, es ist Winter, Feuchtigkeit lässt Holz aufschwellen. Zudem ist Maria eine zierliche Frau, ihre Kräfte schwinden mit zunehmendem Alter.
Und tatsächlich bedurfte es vorgestern lediglich eines starken Stosses mit meinen Schultern um die Türe aufzudrücken. Ähnlich verhielt es sich mit der Türe zum Häuschen mit der Waschmaschine.
Ah, das Waschhäuschen! Wie viele Jahre mussten wir warten bis Kanalisationsröhren im Dorf verlegt wurden? Als eine der letzten bewohnten Inseln im Mittelmeer waren wir dran. Das bedeutete das Ende des Plumpklos. Ein WC hielt Einzug und wir schufen uns eine Waschmaschine an. Nur wohin damit?
Es ist ein altes Haus mit Steingemäuer so dick wie mein Arm lang. Utensilien eines modernen Lebens waren damals nicht eingeplant. So liessen wir ein winzig Häuschen auf dem Vorhof bauen – Vorhof ist gut! Es handelt sich dabei um ein mit Steinplatten belegte Oberfläche unter der sich die Zisterne zum Haus befindet. 3 auf 4 Meter. Die eingemauerte Pumpe für das Wasser aus der Zisterne nimmt schon mal einen Quadratmeter in Anspruch. Maschinen sind empfindlich auf Umweltseinflüsse wie die Regenkaskaden im Winter und vor allem auf die mit salziger Meerluft geschwängerten Winde. So sollte eben auch die neue Waschmaschine von einem Gemäuer geschützt werden. Unser Waschhäuschen.
Jeder kann sich die Grösse einer 5 Kilo Waschmaschine vorstellen. Sie hat Platz im Häuschen sowie eine Person, die kauernd die Tommel füllen kann und bei 1.80 Grösse beim Aufstehen den Kopf anstösst. Winzig also.
Der Maurer hat beim Bau nicht daran gedacht, dass ein Minimum an Luftzug erforderlich ist und sei es nur dem Schimmel vorzubeugen. Für die Holztüre wurde passgenau ein Holzrahmen eingesetzt. Die Arbeit wurde im heissen und trockenen Sommer gemacht, alles schön hermetisch abgeschlossen. Seufz.
Nach dem Einbau war der Handwerker in mir gefordert. Mühsamst meisselte ich zwei Löcher in gegenüberliegende Wände. Ich fluchte über die eigene Dummheit, dem Maurer nicht unmissverständliche Instruktionen gegeben zu haben, beim Mauerbau zwei Bausteine auszusparen, es wäre so einfach gewesen. Kam dazu, dass der Ehrgeiz in mir erwachte und ich schöne runde Fensterchen machen wollte. Nun gut. Viele Stunden später machte ich mich dann auch noch an die Holztüre wo ich knapp über dem Boden Luftlöcher in einem schönen, selbst entworfenen Muster in die Türe bohrte. Ich bin noch heute stolz auf meine Arbeit und sie erfüllte ihren Ventilationszweck über die Jahre bestens.
Ankommen
Es ist immer so eine Sache mit dem Ankommen auf dieser mystischen Insel hier in der griechischen Ägäis. Einerseits gibt es viel zu tun: auslüften, putzen, die Decken und Tücher von den Möbel nehmen und versorgen, Vorräte einkaufen und immer wieder Unvorhergesehenes anzupacken. So zum Beispiel tote Viecher entsorgen. Diesmal war es nur eine kleine Maus. Andere Male waren es schon mal Skorpione. Schlangen hatten wir gottseidank noch nie im Haus. Oder mindestens haben wir nichts davon bemerkt.
Andererseits bin ich hier um mich nicht zu stressen. Wenn das Bett mal gemacht, es warm ist und etwas zu Essen und Trinken vorrätig, dann kann alles andere warten. Das Tempo und die Dynamik vom westlichen Leben hallen direkt nach der Ankunft nach und aus Erfahrung weiss ich, dass es gut ist, den Schwung zu nutzen und so viel wie möglich sofort zu erledigen. Setzt mal die Musse ein, bleibt schnell mal was liegen, das einen dann später doppelt zu schaffen gibt.
Neben dem Runterfahren und der Gelassenheit Einkehr zu gestatten kommt dazu, dass ich nicht ohne Grund diese Insel als mystisch bezeichne. Wenn man es gewährt, nimmt sie einen ein. Dann öffnet sich ein neues Raum-Zeit Gefüge. Für mich einer der wichtigsten Gründe weshalb ich hier bin in dieser Einsamkeit. Und ich lasse mich ganz darauf ein.
Es war morgens um Vier als ich mit dem Schiff hier landete. Die Tage zuvor verbrachte ich in Athen. Konstantina hatte mich gebeten, ihrer Familie Reiki zu geben. Ihr Bruder hatte im Herbst einen fürchterlichen Unfall mit schlimmen Verletzungen, vor allem am Kopf. Lange schwebte er in der Intensivstation in Lebensgefahr und die Neurologen hatten keine guten Prognosen.
Zuerst richtete ich das Bett her und verkroch mich, um ein par Stunden zu schlafen. Das gelang mir mehr schlecht als recht. Es schwankte zwischen surrealen Träumen und wachenden Gedanken. Und meist fragte ich mich, welches was ist. Die ersten Zeichen, dass der Zauber der Insel mich berührt oder Reste dessen, was zur Ruhe kommen will?
Eingeschlossen oder gefangen?
Im Dorf ist alles zu. Kein Café ist geöffnet. Nur der Bäcker arbeitet. Und „Tsimi“ (wie in Jimmy Hendrix) im kleinen Gemüseladen.
Die Sonne scheint prall und ungewöhnlich heiss für Weihnachtszeit. Bleierne Müdigkeit überkommt mich. Mein Kopf schwimmt, nickt weg. Träge öffne ich die Augen, sehe das Buch in meinen Händen, das angeknabberte Brot auf der Bank neben mir mitten auf dem Menschenleeren Dorfplatz. Der Gedanke an den Nachhauseweg, den Anstieg zu meinem Haus verführt mich, die Augen nochmals zu schliessen. Aber wenn ich mich jetzt gehen lasse, dann schlafe ich ganz ein und das will ich nicht. Ich weiss, dass das Gehen meine Lebensgeister wieder wecken wird.
Ich bewege mich ganz langsam. Irgendwie will ich nicht aufwachen. Die Sonne im Gesicht. Ich blinzle, gehe einige Schritte mit geschlossen Augen. Mir ist wie im Schlaf vor wenigen Stunden. Gedankenblasen, Bildfragmente. Schlafe ich? War ich gerade einkaufen? Was ist wirklich, was nicht? Antworten scheinen zu beschwerlich, zu aufwendig, ich gebe mich dem Widersprüchlichen hin, akzeptiere, dass ich wie in Trance bin.
Zuhause fange ich in der Küche an Geschirr zu spülen, merke, dass mir ein Trockentuch fehlt, will es in der Ablage holen und finde auf dem Weg den Staubsauger mit dem ich doch eben das Laub ….. Habe ich es getan, gewollt, geträumt? Obwohl ich mich im Hause bewege, Sachen erledige, wirkt alles wie Fragmente von Zeitlupensequenzen eines Films, den ich sehe und in dem ich gleichzeitig mitspiele. Alles angefangen, nichts beendet. Kann ich überhaupt noch richtig denken, habe ich noch Zugang zum meinen Sinnen, zu meinem Verstand? Ich könnte mich nun zwingen, wieder Herr meine Fakultäten zu werden und mich hinsetzen, den Kopf anzuschalten und eine Check-Liste schreiben. Aber ich will das nicht, ich lasse mich fallen. Ins Ungewisse. Gleichzeitig erinnere ich mich, wie effizient ich die letzten Monate agiert habe, wie klar mein Geist war. Die Erinnerung hat etwas tröstliches, sie macht es leichter, Kontrolle loszulassen. Es ist nicht nötig, dass ich die Grenze zwischen bewusst Entschlossenem und im Schlaf Geträumten erkenne. Ja, eigentlich brauch ich nicht mal den Unterschied zwischen Schlafen und Wachen zu wissen.
Nichts ist wichtig. Ich muss nichts. Geschirr kann warten. Die Türe zum Waschhäuschen klemmt. Ich konnte sie aufdrücken. Aber wieso klemmt sie überhaupt? Wenn ich sie von aussen zuziehe geht sie nicht ganz zu. Wenn ich wüsste an welcher Stelle im Rahmen es harzt, dann könnte ich etwas dagegen tun. Dazu müsste ich sie einmal ganz zu bringen.
Es ist heiss in der Sonne. Fallenlassen. Weitermachen. Staubsauger. Schlaf. Schachspiel. Züge klar gesehen. War aber nur ein Traum. Oder habe ich auf der Fähre hierher Schach gespielt?
Wenn es einen Griff hat um die Türe zu öffnen, dann kann ich sie von innen ganz zustossen und mir die klemmende Stelle merken.
Der Hacken an der Türinnenseiten verbiegt sich langsam. Wenn ich weiter daran ziehe und er sich weiter verbiegt, dann bietet er mir bald gar keinen Griff mehr. Das Karo des Schachbrettes ist schwarz. Wo es ein schwarzes hat, gibt es auch ein weisses. Woher dieser Gedanke, wieso dieses Bild? Die Türe klemmt. Ich bin im Waschhaus. Der Griff nahezu unbrauchbar.
Schreien. Nach Hilfe rufen. Lächerlich. Im Dorf sind 3 Familien. Und ich. Keiner kann mich hören. Höchstens, wenn jemand gerade am Haus vorbei ginge. Das wird etwa 24 Stunden später zum ersten Mal der Fall sein. Dunkel. Habe ich soeben die Augen geschlossen gehabt, ist mir grad dunkel vor den Augen geworden? Es ist hell, Sonnenlicht dringt durch die runden Öffnungen. Noch. Wie lange muss ich hier drinnen bleiben, wie komme ich hier raus?
Blasen an den Fingern. Macht nichts. Weiter. Halt! Denke! Die Haut ist weg, du blutest. Komm zurück. Ins Hier. Jetzt brauchst Du Deinen Kopf. Du bist schon völlig durchschwitzt. Bald kommt die Nacht, die Kälte. Verletz Dich nicht noch mehr. Lege die Uhr weg, damit kannst Du hängen bleiben, die Hand einklemmen. Vier Uhr. Wie lange arbeite ich schon an dieser Tür?
Sammle Dich! Ruhig Blut. Atme durch. Ziehe die Jacke aus, sie wird unnötig nass vom Schweiss, Du brauchst sie später. In der Nacht, in der Kälte. Panik. Lass Dich fallen, gib Dich ihr hin. Wozu? Ein Springer auf Weiss wechselt auf Schwarz. Immer. 45 Grad springt er aufs übernächste Karo. Zum Überleben brauche ich vorerst Wasser. Wo eine Waschmaschine da ist Wasser.
Eine Stunde später krächzte die Türe und sie war offen. Ich war nicht überrascht, nicht erleichtert, spürte keine Euphorie. Stattdessen begleitete mich eine Selbstverständlichkeit über die Schwelle nach draussen, ein Bewusstsein der Gewissheit, dass die Freiheit meine ist.
Danach säuberte ich meine geschundenen Finger, trocknete meine Haare, meinen Oberkörper während dem einzig eines mich beschäftigte: weshalb, wieso, wie konnte ich so dumm sein? Keine Wut oder Ärger – nur blanke Verwunderung. Es sollte noch ein Weilchen dauern bis ich der Antwort auf die Schliche kam, sie anfing zu erahnen.
frei
Ich war eingeschlossen. Keine Frage. Ich denke es war wohl am Ende der ersten Viertelstunde als sich jede meiner Zellen, meine geistige und körperlich Kraft alleine auf einen einzigen Auftrag fokussierten: raus hier. Ich bog einen Draht-Kleiderhänger so zurecht, dass ich zwei Enden mit einem Widerhacken durch die Lüftungslöcher stossen konnte, sie sich aussen festkrallten währenddem ich innen daran zog. Kauernd konnte ich so unten einen Spalt aufzerren während die Türe oben weiter klemmte. Ein schmales Brettchen, welches als Unterlage für die Waschmaschine gedient hatte, schob ich in den Spalt. Ein Keil zwischen Gefangenschaft und Freiheit. Ein Vierkantholz, das ich wohl irgendwann mal habe liegenlassen, diente als Schlaginstrument, um das Stück Latte Zentimeter um Zentimeter nach oben zu hämmern. Dabei frass sich das Holzstück immer wieder in die Kante des Türrahmens und schlug Kerben in die es sich verkeilte. Mit einer Kombination von Rütteln, unten Ziehen und oben Stossen befreite ich das Holz jeweils und trieb so meinen Hebel Stück für Stück immer näher an die klemmende Stelle bis letztendlich das Hebelgesetz das seine tat und die Türe aufsprang.
Nach der ersten Panik, während der schnell verdrängte Todesgedanken kamen, kehrte etwas sehr wohltuendes ein. Alles, das meiner Tätigkeit nicht half, fiel einfach weg, hörte auf zu existieren. Es zählte nur mein Tun, welches erfüllt war mit einer Sicherheit, dass ich zwar eingeschlossen aber nicht gefangen war, dass ich mich befreie, dass ich überleben werde. Frei auch wenn eingeschlossen.
Im Moment als ich nach draussen trat, fingen Tausend Dinge wieder an in meinem Kopf rumzuspinnen. Was drinnen nicht existierte fing draussen wieder an zu sein. Ich war gefangener als zuvor im Häuschen. Gefangen von meinem nicht ruhenden, selbstmitleidigen Geist. Wie paradox!
Die Antwort auf die Frage nach dem Weshalb? So lange ich Freiheit nicht zulassen kann, werde ich mich immer wieder, irgendwie, einschliessen. Werde Lebenslagen als Gefängnisse verspüren, solche förmlich heraufbeschwören. So lange ich mich nicht vor jegwelchem Opferbewusstsein verabschiede, werde ich Situationen schaffen in denen ich es, Opfer, bin. Werde so Irrationales tun wie sich auf einer einsamen Insel in einem unbewohnten Dorf selber in ein Waschhäuschen einzuschliessen. Wie kann man nur!
Freiheit hat einen Sinn für Humor.
|
| Kommentieren
? |
ergänzt am 02.02.2010
um 14:05:
Freiheit aus anderer Sicht |
| ich wurde letztes Jahr dahin gehend kritisiert, dass in meinen Texten zu viele Zitate und Links standen. "Ich will wissen, was Du denkst, René und nicht was andere denken." Hab ich zur Kennntis genommen. Trotzdem füge ich diese Ergänzung (ein Pfarrer in Gefängnissen in Hongkong) hier an weil es meinen Text synchronisiert. Sozusagen. |
| Kommentieren
? |
|