| Schon irgendwie nicht frei von Ironie, oder? Die Wissenschaft braucht Jahrhunderte, Zillionen – wenn sie es denn überhaupt mal angeht – um zu „beweisen“, was der gesunde Menschenverstand eh schon weiss.
Als aufmerksamer Wissenschaftsberichterstattungsleser wundere ich mich oft über empirische Beweisführungen, wo ich am Schluss sage „ja und?“. Aber eben, die Ratio will gefüttert werden. Das Credo „was ich nicht sehe existiert nicht“ – oft als typisch männlich bezeichnet – existiert in der Denke des heutigen Zeitgeistes. So gesehen ist dann auch nichts falsch daran, dass man forscht und Offensichtliches hinterfragt, prüft und beweist. Lass uns da mal nicht das Kind mit dem Badewasser ausschütten. Wissenschaft an sich ist in Ordnung, ja sie ist wertvoll. Sogar wenn sie, wie im folgenden, etwas bestätigt, das im Grunde jeder weiss.
Jede Mutter, die jemals ein Kind zur Welt gebracht hat, weiss, dass das ungeborene Lebewesen in ihr drin mitbekommt, wie die Mutter sich fühlt, was mit ihr geschieht. Obwohl wohl behütet, gut versorgt ist es natürlich ein Fakt, dass wenn die Mutter raucht, dass wenn die Mutter sich schlecht ernährt, dies einen Einfluss auf das Baby im Bauch hat.
Wissenschaftlich oder Schulmedizinisch wurden diese Einflüsse „nur“ auf Physisches reduziert. Man ging davon aus, dass ein Ungeborenes noch keine Gefühle empfindet, dass der Charakter eines Neugeborenen in den ersten 3-5 Jahren nach der Geburt erst geformt wird und zwar als Resultat des Umfeldes, der Erziehung. Dieses Menschenbild ist ein sehr mechanistisches und wohl das Produkt der Aufklärung beginnend bei René Descartes und seiner Vorstellung, dass der Mensch ähnlich einer Maschine funktioniert. Mitunter getrennt von den anderen Masch…. ähm Menschen.
Tatsache ist natürlich, dass etwa die Einflüsse unserer Eltern riesig sind und dass vor allem die ersten formativen Jahre, in denen das Hirn sich zu dem entwickelt was wir als Erwachsene zwischen den Ohren herum tragen, Match entscheidend sind. Neurologen haben das gut dokumentiert und gesehen, dass das menschliche Hirn nach der Geburt noch ein Wachstumspotential hat, welches bei anderen Primaten nicht der Fall ist. Prägungen in diesen ersten Jahren werden auf das ungeschriebene Blatt vor allem in diesen Jahren geschrieben. Dazu gehören die Überzeugungen, die man als logische Konsequenz der Lebenserfahrung, erhält ja ganze Glaubenssysteme entwickeln sich daraus (ein abstraktes Beispiel folgt im nächsten Abschnitt in Klammern).
(Ein Mädchen wird vom grossen Bruder und vom Vater wiederholt geschlagen und – obwohl sie das wohl noch nicht so artikuliert – ein Glaubenssatz wie „alle Männer in meinem Leben sind gewaltsam“ entsteht. Dabei gilt zu beachten, dass solche Klischierungen, solche abstrakte Absolutitäten in einer solchen Situation durchaus hilfreich sein können. Man stelle sich das Mädchen mit 5 vor, alleine zu Hause und sie sieht am Fenster den gewalttätigen Bruder auf seinem Motorrad unerwarteterweise nach Hause kommen. Wir können nachvollziehen, dass Angst in ihr hochsteigt getrieben von ihrer Überzeugung, wie alle Männer in ihrem Leben sind. Was macht sie? Sie versteckt sich hastig. So hat ein Glaubenssatz geholfen, eine Überlebensstrategie zu entwickeln. Wenn das Mädchen im Verlaufe ihres Lebens Schicksalsschläge von männlicher Hand immer wieder erlebt, wird sich ihre Überzeugung verhärten. Ja, wir gehen davon aus, dass es zwischen dieser verhärteten Überzeugung und der Gewalt gar einen Zusammenhang gibt. Dafür gibt es viele Fallbeispiele und Studien. Wenn sich dies nun perpetuiert wird die Frau in unserem Beispiel auch immer überzeugter von sich glauben, dass sie nichts wert sei, dass sie gar die Schläge verdiene, ja sie Schuld dafür trage. Letzteres ist besonders fatal, da gewalttätige Männer – Männer die ganz alleine für ihre Taten verantwortlich sind! – mit Inbrunst behaupten, sie hätten die Frau nicht schlagen wollen, sie hätten das förmlich aus ihnen rausgeholt. In einem machoesken System erfährt die Frau weiteres Unrecht, wenn das Gesetz den Mann freispricht, bzw. unmassgeblich büsst. Glorifiziert wird dieser Prozess dann durch Sprüche wie „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht; wenn Du nicht weißt weshalb, sie weiss es ganz bestimmt“ (eher Nietzsche und weniger Koran). Das Glaubenssystem in unserem Beispiel besteht somit aus zwei Kernüberzeugungen, ein nach aussen, auf die Umwelt gerichteter Glaubenssatz: „Die Männer sind …..“ und einer nach innen, auf sich selbst gerichtet: „Ich bin …..“. Man könnte Heilung vereinfacht auf das Loslassen der Glaubenssysteme reduzieren.)
Nun haben Wissenschaftler erkannt, dass was Mütter wohl schon immer wussten, tatsächlich so ist, nämlich, dass ein Ungeborenes auch mitleidet und psychischen Schaden davon tragen kann, wenn der Mutter etwas passiert. Oder anders gesagt: Glaubenssysteme entstehen nicht erst mit dem postnatalen Heranwachsen sondern können schon pränatal verankert sein. Der Artikel „Das Trauma im Mutterleib“ veranschaulicht dies und berichtet davon, dass aus dieser Erkenntnis ein neuer Therapieansatz entstanden ist: die pränatale Psychologie.
Eigentlich nichts neues, aber gut zu wissen, dass es wirklich so ist….. |