René Vögtli B.L.O.G. 
 
 
 
15.02.2010 um 13:37:

Schwarzer Block entmannt

Ach, wie verliebt bin ich in diesen Titel, der mir da in der Badewanne in den Sinn kam. (Eigentlich, liebe Leser, sollten Sie nur schon deswegen meinen Blog unbedingt weiterempfehlen.) Zuerst wollte ich diesen Eintrag mit so was wie „von den Deutschen lernen“ betiteln. Nicht zuletzt in Anspielung auf die medial hochgepeitschte anti-Deutsch Kampagne. Dann erinnerte ich mich, dass ich dieses Thema ja schon vor Jahren angesprochen hatte (Stichwort ‚Alphornkomponist’ oder ‚Stiefelknecht’ in der Suchfunktion eingeben) und, weil grotesk, hier keinen weiter Platz erhalten soll. Stattdessen darf in diesem Titel ganz andere Doppelbödigkeit rein gelesen werden. In Deutschland haben Bürger soeben eine unerlaubte (!), selbstorganisierte (!!) Demonstration gehalten. Händehaltend (!!!) stellten sie sich schwarz vermummten Dumpbacken gegenüber, die eine, notabene, bewilligte Demonstration halten wollten. Ich denke Sie haben es in der Zeitung gelesen. Sonst könnten Sie das hier nachholen: 10’000 Dresdner verhindern „Trauermarsch“ der Neonazis. Da schlägt mein Weltverbesserer-Herz höher und ich denke es ist gar nicht so vermessen, wenn ich sage, da können wir alle – unabhängig von Staats-, Geschlechts- oder politischer Zugehörigkeit – einiges davon abgucken. Übrigens Wessis, da nehmt Euch die Ossis mal als Vorbild, die trauen sich was. Das habe ich jetzt nur gesagt, dass bei den helvetischen Lesern nicht das Gefühl aufkommt, ich betriebe Germanenglorifizierung oder Helvetia-Bashing. Das ist nicht der Punkt. Drum einfach weiter lesen, liebe Miteidgenossen, denn es geht um Grenzenlosigkeit und Freiheit – nicht um Klischee-Perpetuierung. Unüberlegter Aktionismus oder – wohl noch schlimmer – gar welcher mit Kalkül ist hier nicht das Credo. Manchmal ist es besser, nichts zu tun. Zum Beispiel wenn es um das Burka-Verbot geht, welches gerade in Frankreich diskutiert wird. Und bei dem nicht unselten das Schweizer Minarett Verbot als Unterstützung zitiert wird. Gleich vorneweg, bevor Missverständnisse aufkommen, ich bin kein Befürworter der Burka; ja, der Titel zu diesem Eintrag ist mir heute in diesem Zusammenhang, quasi als spinn-off vom Dresdener, gekommen. Das Negative dieses scharzen Blocks werden wir mit Gesetzen und Verboten auch nicht bekämpfen können ….. ...da habe ich mich glatt vertippt, denn natürlich können wir Kampf und Krieg führen, wenn wir Gesetzte schaffen und dann darauf beharren, aber wirklich erreichen werden wir wenig. Wie die eingangs erwähnte Aktion in Dresden und auch die zu unterst angefügte Geschichte um Mutterschaft zeigt. Aber zuvor noch ein Wort zur Burka. Weshalb sind wir, aus der westlichen Sicht (und übrigens eine Sicht, die von nicht wenigen mohammedanischen Koran-Interpreten geteilt wird), gegen die Burka und weshalb wird für ein Burka-Verbot in der Öffentlichkeit plädiert? Eine zentrale Antwort liegt in der Angst vor Islamisten, also in etwas, das im kollektiven Hinterkopf regiert. Im Vordergrund brauchen wir ganz andere, nicht im direkten Zusammenhang mit dieser Angst stehende Argumente. Das alleine mutet scheinheilig, um nicht verlogen zu sagen, an. Aber blenden wir das aus und schauen wir auf den Hauptgrund, der meist angeführt wird: Wir sind für ein Burka-Verbot , weil wir dagegen sind, dass Männer Frauen zwingen, sich zu verkleiden, zu verstecken und zu verhüllen. Pardon. Dann muss doch auch eine Frage im Umkehrschluss erlaubt sein: Mit welchem Recht massen wir uns an, Frauen zu zwingen, sich zu exponieren? Ein Burka-Verbot, eine Entschleierung in der Öffentlichkeit käme dem gleich. Die Folge? Das Übel der männlichen Unterdrückung würde lediglich in den Untergrund verdammt. Die Burka-Trägerinnen würden in ihren Wohnungen eingesperrt und es wäre dem Gesetz gerecht geworden, denn die Burkas wären weg von der Strasse. Integration adieu. Niemandem wäre nicht nur nicht gedient sondern schlimmeres wäre kreiert. Übrigens, müsste man beim Burka-Verbot dann nicht konsequenterweise den Nonnen den Schleier verbieten, den Priestern den Rockähnlichen Talar (eigentlich den ganz besonders wegen der Zweckentfremdung einer klassisch weiblichen Bekleidung und damit der symbolischen Unterdrückung der Frau) oder den Jüdinnen ihre Perücke? (Huch, da fällt mir eine tolle Geschichte ein. Ich war keine 22, aufstrebendes Geschäftsmännlein in einer jüdischen Firma. Es gab nicht-Juden, Juden und keine diesbezüglichen Ungereimtheiten – wir waren alle enthusiastisch und der Zeitgeitst so voller Aufbruchstimmung, dass Toleranz in meinem Empfinden gegenseitig gelebt wurde, weil selbstverständlich. Einer meiner engsten Kollegen war religiös, er trug Kippa (die sollten wir dann auch noch gleich verbieten, wenn wir ja schon mal dabei sind) und feierte den Sabbat. Am Jahresende gab es eine grosse Feier. Moshe und die anderen Orthodoxen kamen mit ihren Frauen. Charmant wie ich war – als Goi und Jüngling in der Truppe hatte ich eh Narrenfreiheit – küsste ich Hand und komplimentierte die Damen. Auch ihre schöne, schwarze und volle Haarpracht. Knallrot im Gesicht wurde ich als mir mein verehrter Moshe montags im Büro diskret die jüdische Tradition des Verhüllens der Frauenhaare nach der Hochzeit beibrachte.) Wo war ich? Ach ja. Bürgersolidarität, Toleranz und Gesetzte, bzw. letztere zu brechen. Oder sie auszureizen. Hier die versprochene letzte Geschichte: Es ist noch nicht lange her (2005), da führte man als eines der letzten Länder der westlichen Welt auch hier in der Schweiz das so genannte Mutterschaftsgeld, bzw. Mutterschaftsurlaub ein. Erstaunlich. Und wissen sie was? Das hatte mitunter so lange gedauert weil viele Frauen dagegen waren. So unter dem Motto „wir hatten das früher auch nicht, die müssen jetzt nicht meinen“. Dies vor allem in, ich sag mal, eher konservativen Kreisen. Und was passiert? Vor allem in diesen selben Kreisen wird 5 Jahre später gemogelt. Wie? Einfach. Man erhöht beim Eintreten der Schwangerschaft ruckzuck das Salär oder stellt die Schwangere im eigenen Unternehmen ein, denn sie bekommt ja dann im Mutterschaftsurlaub 80% des Lohnes. Vom Staat. Und was sagt ein Leiter der entsprechenden Behörde in der Ur-Schweiz zu dieser Praktik und es ist anzunehmen, dass dieses Argument bei den Nutzniessern gleichermassen geltend gemacht wird? „… ist kein Missbrauch, sondern lediglich ein Ausnutzen von Anreizen innerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten. Das ist so subtil wie der Unterschied zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung. Aber auf dieses Glatteis wage ich mich heute nicht auch noch. Es lebe Dresden. die Kippa und Solidarität.
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