René Vögtli B.L.O.G. 
 
 
 
27.04.2010 um 12:00:

… war da noch was …

… ganz anderes, das ich ebenfalls und eigentlich vor meiner Abreise (nach Griechenland von wo ich zwischenzeitlich längst wieder zurück bin) noch aufgreifen wollte. Nämlich die Ungeheuerlichkeit das Zölibat und Pädophilie in ein und derselben Schlagzeile unterzubringen. Das ist dumm! Es ist dumm weil es von der Scheusslichkeit des Kindsmissbrauchs mit einem Thema ablenkt, welches gar nicht in einen kausalen Zusammenhang gestellt werden kann. Und es zudem das Verbrechen des Zölibat-Obligatoriums(!) verharmlost. Die beiden unsäglichen Zustände in einen Zusammenhang zu stellen – und sei es nur um Zeitungen zu verkaufen – ist somit in sich geradezu kriminell, denn es verwässert die Giftigkeit des einen sowie des anderen und wird so keinem der beiden wahrhaftig gerecht. Es wird einer nicht wegen dem Zölibat pädophil. Das ist er längst vor der Entscheidung, Priester zu werden. Dass das (Zwangs-)Zölibat eine illusionäre Welt kreiert in der ein Pädophiler, Sadist oder sonst wie Perverser meint, von der eigenen Triebhaftigkeit geschützt zu sein, das mag sein. Und ja, diese Scheinwelt mag den einen oder anderen deswegen angezogen haben. Aber zu denken, dass wenn Pfärrer Sex mit Frauen haben dürften, dass sie deswegen ihre Neigungen nicht ausleben würden, das ist eine noch viel schlimmere Naivität, missbraucht sie wiederum die (Hetero)sexualität als Alibiübung und verunwürdigt dieselbe damit. Wenn in der Debatte zum Thema Übergriff eine Internatsleiterin lauthals postuliert, den Pädagogen in ihrem Institut jegwelche Berührung untersagt zu haben (auch wenn, Zitat: „ein 11jähriger vor Trauer weinend vor einem steht“), dann kann ich nur noch schreien. Wo sind wir denn? Väter, die nicht mehr mit ihren Kindern in die Badewanne steigen (es sei denn, die Mutter ist dabei oder sie ziehen sich eine Unterhose an) und Anwälte, die bei Scheidungen Mütter raten, Väter gezielt und bewusst fälschlich der Übergrifflichkeit zu bezichtigen, bzw. dies anzudrohen….. So berichtet in ein und der selben Zeitung, die dann – ist das scheinheilig, zynisch oder einfach nur unbedachter Zufall? – in der gleichen Ausgabe Studien publiziert, die zeigen, dass der Körperkontakt unter Sportlern zu besseren Resultaten führt. Ja, um Himmelsgottswillen, es weiss doch jeder, dass wir die Berührung so sehr brauchen wie die Luft zum Atmen, dass wir ohne sie eingehen. Dazu braucht es doch keine Studien (die im übrigen schon längst ganze Bibliotheken füllen und eindeutig und nicht nur bei Menschen beweisen, dass körperlicher Kontakt elementarer Bestandteil des Lebens ist). Anfassen aus Präventivgründen abschaffen löst nicht nur nichts, sondern kreiert zusätzliche Unmenschlichkeit. Pädophilie nicht zu verharmlosen; Menschen mit dieser angeblich unheilbaren Krankheit bei der Erkennung und mit dem Umgang früh (d.h. im Teenagealter) zu helfen; Aufklärung und Transparenz zu gewährleisten und alle Anstrengungen zu machen, unsere Kinder zu schützen, ja, selbstverständlich! Aber bitte keine Ablenkungsmanöver wegen unserer eigenen Scham und Peinlichkeit und somit bitte auch keine falsche - oder im besten Falle unbedachte - Schuldprojektionen. Das Zölibat ist nicht das Problem. Das Zölibat ist überhaupt kein Problem. Das Diktat dagegen, das Obligatorium, zölibatär zu leben, das ist das Problem. Wir sollten aufhören unsre eignen Vorstellungen von Sexualität und unsre eigenen diesbezüglichen Bedürfnisse all zu leichtfertig auf andere Menschen zu übertragen, zu meinen, dass es doch nicht normal sei, oder nicht gesund sei, wenn ein Mensch bewusst und mit klarer Absicht sich entscheidet, seine/ihre Sexualität nicht in der Form auszuleben wie das die meisten von uns durch Koitus tun. Ganz im Gegenteil bin ich der Meinung, dass wir „Sex-Normalos“ lernen könnten, zölibatär lebende Menschen und ihre (meist spirituellen) Beweggründe zu ehren und zu akzeptieren. Wenn ein Mönch, eine Nonne – katholisch, buddhistisch oder sonst wie – bewusst auf das Zölibat eingeht, dann verneige ich mich vor diesem Menschen mit grosser Hochachtung. Ja, ich kann mir nur vorstellen, wie oder was der (spirituelle) „Lohn“ dafür ist; genauso wie umgekehrterweise, er/sie die Erfüllung einer gelebten Sexualität sich ebenfalls nur vorstellen kann. Die im übrigen, spiritueller Entfaltung nicht nur nicht im Wege, sondern ihr gar dienen kann. Kann! Die Kirche aber, wie ich die katholische im Moment sehe, scheint den ehernen Gedanken, die Kraft der Sexualität ausschliesslich zu spirituellen Zwecken umzusetzen zu Macht- und Kontrollzwecken zu missbrauchen. Die Unwürdigkeit des darauf aufgebauten Dogmas ist ein Thema in sich. Es sollte weder vom Thema Pädepholie, Homosexualität oder Frauenordinierung abgelenkt und verwässert werden. Auch nicht umgekehrt.
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