Einige von uns erinnern uns an das spektakuläre Buch „kurze
Geschichte der Zeit“, das Stephen Hawking 1988 herausgegeben hat. Es war ein
Bestseller obwohl Zyniker damals sagten, es sei das best verkaufte ungelesene
Buch. Ich empfand das als unfairer Kommentar, denn das Buch war für mich als
Laien durchaus lesbar – so beinhaltet es, nur eine einzige Fromel. E=mc². Die
Formel, die Einsteins Relativitätstheorie auf den Punkt bringen soll. Ansonsten
ist das Buch reine Prosa.
Zwischenbemerkung: von einem ETH Professor las ich mal, dass man folgenden Satz so lange wiederholen soll bis man ihn wirklich verstanden habe, dann hätte man die Relativitätstheorie begriffen: „Vor der Relativitätstheorie hat man gedacht, dass wenn man alle Dinge aus dem Raum-Zeit Gefüge entfernen würde, Raum und Zeit bleiben; nach der Relativitätstheorie hat man verstanden, dass wenn man alle Dinge aus dem Raum-Zeit Gefüge entfernt, Raum und Zeit verschwinden.“ (Achtung Gefahr: bei dieser Übung sind spirituelle Erleuchtungen möglich.)
Zurück zu Hawking. Er ist Astrophysiker und wurde von vielen als Einsteins
Nachfolger gehandelt, was wahrscheinlich in erster Linie pop-wissenschaftliches
Medien- und Marketinggerede war. Ohne Zweifel ist er eine äusserst auffällige
und wichtige Figur, denn seit Jahrzehnten publiziert er immer wieder von den
Wissenschaftlern anerkannte Weltraumforschungsergebnisse und natürlich auch
Thesen zur Entstehung des Universums. Hawking leidet an einer schleichenden
Nervenkrankheit und man hatte ihm schon vor Jahrzehnten nur noch wenige Jahre
an Lebenserwartung gegeben. Er sitzt im Rollstuhl und kommuniziert via
Sprachcomputer. Umso bemerkenswerter, dass er bis vor kurzem einen Lehrstuhl in
Cambridge für Mathematik inne hatte.
Mit „Kurze Geschichte der Zeit“ sprach er eine breite Leserschaft an und wurde
damit weltberühmt. Er öffnete Otto Normalverbraucher ein völlig neues Paradigma
vor allem im Verständnis von „Zeit“. Das Buch schilderte auch auf eine
verständnisvolle Weise wie im Universum alles miteinander verbunden ist. Dass
er dabei einer möglichen Existenz Gottes Raum einräumte, überraschte und
provozierte manch einen, da herkömmlicherweise der Grundtenor in den
Wissenschaften Gott grundsätzlich ausklammert.
Soeben las ich eine Rezension zu Hawkings neu erschienenem Buch „The Grand
Design“ (der grosse Entwurf). Darin argumentiert Hawking eher gegen die
Existenz Gottes und er begründet das mit spontanen Entstehungsprozessen. Er
sagt, dass der Entstehungsprozess somit einfach unwillkürlich hat passieren
können weil gewisse Gesetzte (wie Anziehungskraft) bestünden und der Urknall
sich daraus spontan ergeben hat, dass es somit keinen Gott brauchte, der quasi
ein Steichholz angesteckt hat um das Universum zu entfachen. Er untermauert
seine neue Vorstellung, die im Widerspruch zu der in „Kurze Geschichte der
Zeit“ steht, mit der Entdeckung von Planeten in anderen Sonnensystemen mit
ähnlichen Konstellationen wie unsere Erde in unserer Milchstrasse.
Was mich an die wunderbare Geschichte mit Al Gore erinnert als der noch VP der USA war und eine hochrangige Gruppe Wissenschaftler Regierungsunterstützung
(sprich: Gelder) für ein Konkurrenzprojekt zu CERN wollten und Gore am Ende der
Präsentation sagte: „Ich habe nur eine Frage. Eure wissenschaftliche These
beruht auf der Existenz eines Urknalles. Was war vorher?“ Keine Antwort, das
Projekt kam nicht zustande.
So müsste sich Stephen Hawking heute die Frage gefallen lassen: wie kam es zur Existenz besagter Naturgesetze? Und wenn er in „kurze Geschichte der Zeit“ eine mögliche Gottesexistenz für die Erde in unserem Sonnensystem eingeräumt hat, sie jetzt aber ablehnt da andere Sonnensysteme ähnliche Planeten beherbergen,
dann wäre ja das ein sehr zentristische Sichtweise gewesen (vergleichbar mit
der Erd-, bzw. Sonnenzentristischen Sichtweise von anno dazumal). Und stünde im
Widerspruch zu alles vernetzenden Phänomenen der Quantenphysik, die er selbst
ja auch postuliert.
Nun, ich kann nicht so tun, als ob ich nur so daher fragte. Denn ich hab selber
schon eine Vorstellung, die dahin geht, dass eine alles transzendierende
Schöpferkraft, Gott, selbstverständlich besseres zu tun hat als zu zündeln und
ich somit aus der Rezension mitnehme, dass Hawking eher einen Rückschritt zu
alten wissenschaftlichen Dogmen, oder mindestens Praktiken, gemacht hat. Nicht
unähnlich wie Einstein einst seine eigenen Ansätze in Richtung einer alles in
Einklang bringenden Theorie (unified field theory) im höheren Alter widerrief.
Viele heutige Wissenschaftler sehen aber gerade die von Einstein ins Leben
gerufene und von ihm dann später verlassene Stossrichtung als wichtiger an als
seine Relativitätstheorie.
Schön zurück zu sein. Hoffe Ihr, liebe Blog-Leser, hattet einen guten Sommer. |