René Vögtli B.L.O.G. 
 
 
 
05.03.2007 um 12:10:

Sehr geehrter Herr De Weck,

ich verehre Sie als Publizisten sehr, wie Sie wissen*. Ihre Texte sind tiefsinnig und fundamentiert. Sie sind für mich ein Vorbild bezüglich eigener Meinung und Objektivität. Ich möcht ich könnt schreiben wie Sie, so vorbildlich den Baum sowie den Wald sehen. Zu selten hab ich Ihnen meine Verehrung zum Ausdruck gebracht. Das merke ich jetzt wo ich zum ersten Mal einen Einwand habe. Regelmässige Komplimente wären jetzt als Hintergrund dienlich, um meinen Einwand hervorzuheben. So muss ich es bei diesem Abschnitt belassen. Den nächsten können Sie, werter Herr De Weck, überspringen; er adressiert die Ihrer weniger kundigen Leser meines Blogs. * Anfangs 2004 schrieb Herr Roger de Weck einen Artikel mit der Überschrift „dies ist nicht mein Bundesrat“. Ich benutzte damals seinen Titel und liess einen Botton anfertigen, den ich an Freunde verteilte. Einen schickte ich dem Autor. Zwei Zitate aus einem Interview mit Herrn de Weck und, liebe Leser, Sie werden verstehen, weshalb ich seine Veröffentlichungen so gerne lese: „Verzeihen Sie, ich habe einen Standpunkt.“ „Eine Gesellschaft nur auf der Grundlage des Wettbewerbs ist keine Gesellschaft.” In Ihrer gestrigen Kolumne „Eine neue Epoche“ (Sonntagszeitung) haben Sie für meinen Geschmack zu kurz gegriffen. Natürlich haben Sie recht, wenn Sie sich dafür stark machen, dass es unerheblich sein soll, ob Frauen oder Männer mächtige Ämter im Staat versehen. Sie haben auch recht, wenn Sie sagen, dass es eine bessere Welt wird, wenn die Wahl einer Frau oder eines Mannes gleichermassen selbstverständlich ist, und dass dies leider noch nicht der Fall ist. Wo nun ist meine Einspruch? Nun, zum einen wehre ich mich dagegen historische Erfahrung als Beleg eines Widerspruches gegen die Aussage Calmy-Reys, dass Frauen für eine menschlichere Politik stünden, einzusetzen. Vielleicht hätte unsere Bundesrätin dies entpersonifizieren, also als weibliche Qualität herausstreichen sollen, zu der auch Männer fähig sind. Dass der Wiederaufbau Deutschlands zu einem grossen Teil mit viel „männlicher Energie“ vieler Kriegswitwen möglich war, ist evident. Bedeutsamer allerdings scheint mir mein Einwand, dass weibliche Qualitäten und Werte (Sozialkompetenz, emotionale Intelligenz, Emapthy, usw.), welche Voraussetzungen für den Wandel in eine neue Epoche sind, in ihrem Artikel zu wenig in den Vordergrund gekommen sind. Wenn man diese in zeitgenössischen Politikerinnen sucht, findet man schnell mal raus, dass sie die oft mindestens so missen lassen wie ihre männlichen Artgenossen. Schauen Sie sich die Siegespose von Nancy Pelosi an (hat sie offensichtlich bei Arnold Schwarzenegger abgeguckt) oder die Machosprüche der Kanzlerin, von Carla De Ponte gar nicht zu reden. Einverstanden, die Strukturen heutzutage fordern von Frauen nach wie vor, dass sie sich „wie ein Mann durchboxen". Nur: indem und solange Männer in weiblichen Körpern an die Spitze gewählt werden, wird sich daran nichts ändern. Ich votiere somit dass wir die neue Epoche vermehrt im Zeichen jener Werte einläuten, die traditionellerweise als „weiblich“ beschrieben wurden und dass wir Politiker tragen, die diese anstreben und leben – unabhängig von ihrer Geschlechterzugehörigkeit. Ihr. René Vögtli
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