René Vögtli B.L.O.G. 
 
 
 
15.10.2007 um 12:10:

Vision - in mehr als einem Sinne

Schon seit August lese ich die Antwort und ich feuere mich bei jedem Kapitel aufs Neue an, meine Gedanken zu bebloggen. Aber irgendwie überholen dann die Geschehnisse dieser Welt regelmässig meine guten Absichten. Genau so funkte Mutter Teresas Buch in meine Alice Schwarzer Blogabsichten rein. Die Erscheinung von Mutter Teresas Zweifeln hat mich fasziniert und ich habe nach meinem letzten Blogeintrag sofort das Buch in der Originalsprache bestellt. Allerdings kam es nicht mehr rechtzeitig vor meinem Flug nach Spanien an. Stattdessen reiste ich für die letzte Septemberwoche mit Alice Schwarzers, auf den ersten 50 Seiten schon abgegriffenem und mit Randbemerkungen versehenem Buch die Antwort nach Spanien. Im germanischen Paradies namens Alicante angelangt aber, kam es dann noch mal anders, denn in der Bibliothek meiner Gastgeberin fiel mir ein 1993 erschienenes Buch auf. Kennen sie das? Sie lesen irgendwann mal – vielleicht in der Tageszeitung auf einem Flugzeug einen Bericht und denken sich „wie das wohl noch rauskommt?“ – und dann werden sie mal hier mal da über die Jahre hinweg immer wieder flüchtig daran erinnert. Da es aber wichtigeres gibt, beantworten sie sich die offenen Frage nie. Die Geschichte mit den Texten aus der Zeit von Jesus, die 1947 in der Wüste in der Nähe des Toten Meeres von Beduinen gefunden wurden, ist so was für mich. Immer mal wieder begegnete ich Berichten über die sogenannten Qumran-Rollen. Da ich in Spanien Zeit hatte – Alices Antwort läuft nicht davon – griff ich mir das Buch aus der Bibliothek und las Verschlusssache Jesus. Darin wird dem Vatikan vorgeworfen, dass er die gefundenen Texte sehr einseitig interpretiere, nämlich um das bestehende römisch-katholische Dogma zu bestätigen. Obwohl im Buch vieles plausibel und faszinierend präsentiert wird, liess mich der Eindruck nicht los, dass die Autoren haargenau das selbe nur in die entgegengesetzte Richtung praktizierten. Sie verfolgten unabdingbar eine anti-vatikanische Interpretation. Zuhause angekommen griff ich zu Mutter Teresas Buch und musste schnell feststellen, dass mir die Lektüre von Verschlusssache Jesus eine hilfreiche Lektion war, denn sie zwang mich zu differenziertem Lesen, mich zu besinnen, dass Worte so aber auch ganz anders interpretiert werden können. Dass unsere Wahrnehmung durch den Filter unserer voreingenommenen Meinungen eingefärbt und so verzerrt werden können. Als ein Vatikankritischer Mann – der gerade deshalb näher denn je bei Rom ist – spüre ich beim Lesen von Mutter Teresas Buch, dass ihre Sprache mir Grosszügigkeit in meiner Betrachtung abverlangt, damit ich meine Perspektive dahin gehend verschiebe, dass ich Begrifflichkeiten wie „Jesus’ Durst nach Seelen“ nicht von vornherein reaktionär bewerte. Ich bin dankbar, dass die Fügung mir ein Buch vorschob, das mir vor Augen führte, was Antoine de Saint-Exupéry sagte und hilfreicher Ausgangspunkt auch für das Lesen manch eines Buches ist: „Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.“ Ich denke, das ist sicherlich eine gute Warte für einige Visionsblogs in nächster Zeit, die an den Luxus zu träumen anschliessen und an den Traum und dessen Realisierung.
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